
Sammlungen
Der Gedanke, wonach die Spuren der Vergangenheit vor Zerstörung, Gleichgültigkeit und Vernichtung gerettet werden müssen, liegt bereits Ende des 19. Jahrhunderts in der Luft. Zur Umsetzung der Gründung eines Museums für wallonische Volkskunde und Folklore richten sich die Gründer an die Bevölkerung in der Absicht, das Leben in der Wallonie aus unterschiedlichsten Aspekten zu illustrieren. Sie sammeln Dokumente und Gegenstände, die sich auf die Menschen, auf ihre Traditionen, ihre Tätigkeiten, ihren Lebensraum, ihre Gedanken und ihren Glauben beziehen. Überalterte Gegenstände, in Speichern, Scheunen, alten Möbeln oder Werkstätten abgestellt, bilden die ersten Sammlungen, vorausgesetzt, sie sind in der Wallonie benutzt worden. Meist handelt es sich um einfache und alltägliche Gegenstände, auch wenn einige als Raritäten der Volkskunst gelten. Diese Vorgehensweise überrascht die Leute zunächst, die die Einrichtung anfangs als „Museum für alten Plunder“ (Musée dès vîs rahis’) karikierte, bis sie dann als unumgänglich angesehen wurde.
Danach wurde beim Ankauf der Stücke systematischer vorgegangen, um die gesamten Bereiche, Gebiete und Epochen einzubinden. Das Museum hatte sich zwar keine zeitlichen Grenzen gesetzt, jedoch die zeitgenössischen Stücke ein wenig vernachlässigt: Gegenstände aus unserem Umfeld, unserem Alltag, die unsere Traditionen in einem weiteren Umfeld darstellen und dabei nicht den Vergleich mit anderen Kulturen scheuen. Die Suche nach Gegenständen und Dokumenten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Aktualisierung des Museumsrundgangs zeigte, wie erschwerend es ist, zu warten, bis diese Zeugen der Vergangenheit nur noch schwer auffindbar sind, bevor man sich dafür interessiert oder sie erwerben möchte. Im Gegensatz zu einigen Vorurteilen steht der Erwerb von heutigen Stücken in Einklang mit den Richtsätzen der Gründer: „Ein Museum für Volkskunde muss seine Sammlungen jeden Tag erweitern und darf niemals als abgeschlossen gelten. Tagtäglich produzieren wir die Vergangenheit von morgen“.
Gleichzeitig hat der Forschungsdienst für Filme, Bild- und Tonträger eine beachtliche Menge an Material zusammengetragen, die zur Analyse und Erforschung der wallonischen Gesellschaft beiträgt. Das Museum hat ein breites Netz von Korrespondenten in der ganzen Wallonie aufgebaut und somit zahlreiche Zeugnisse in den verschiedensten Bereichen erfasst. Ab 1923 konnten Besucher ethnografische Filme sehen. Dieses immaterielle Kulturgut wurde mit der Zeit bereichert und stellt heute eine bemerkenswerte und renommierte Datenbank dar. Der Forschungsdienst führt einerseits seinen wichtigen Erfassungsauftrag weiter und sorgt andererseits für die Erhaltung und den Schutz dieser oft empfindlichen Dokumente, die somit den Besuchern dank einer Übertragung auf modernen Datenträgern besser erhalten bleiben.
Wie andere ethnografische Museen positioniert sich das Museum für wallonische Volkskunde heute als gesellschaftliches Museum und ist dabei bestrebt, den Menschen im Mittelpunkt zu stellen. Es berücksichtigt dabei weiterhin die verschiedenen Aspekte der Entwicklung der Wallonie, ihrer Bevölkerung, ihrer wirtschaftlichen, philosophischen oder kulturellen Aktivitäten, verfolgt jedoch ebenfalls aufmerksam alle Veranstaltungen, die mit unserem Alltag, unserer multikulturellen Gesellschaft direkt in Verbindung stehen, bis hin zu den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts. Die museale Anschaffungspolitik bekundet von diesem Anliegen: Die Sammlungen erläutern sowohl die Ursprünge unserer Kultur als auch zahlreiche zeitgenössische Objekte, die noch nicht veraltet sind, und aktuelle Dokumente, die zum Nachdenken anregen können und unsere großen Meinungsdebatten und Herausforderungen ausdrücken. Das gestrige und heutige menschliche Umfeld in der Wallonie wird jetzt aus einem breiten anthropologischen Ansatz betrachtet.
Copyright Province de Liège | Presse | Portail de la Province de Liège | Webmaster

